FÖ 2006 – zwanzich

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Published on: 31. Juli 2006

zwanzichs Bericht 2006

Vorgeplänkel

Donnerstag, 15.06., Hannover gegen Mittag. Das Handy bimmelt.
Hä, Wiesel?
Nein, Beezle.
Er ruft aus Innsbruck an. 34 Grad im Schatten. Ob ich Bock hätte, morgen nachmittag mit ihm noch ein Stündchen einzurollen? Klar, nach 8 Stunden Autofahrt ganz sicher! Also heisst es, zeitig in Kematen einzutrudeln …

– Ziel, um 15 Uhr Feierabend einzuläuten verfehlt. Zuviel Kram, zuviele Fragen offen. Mist, das wird nix mit ausreichend Schlaf.

– kurz vor 17 Uhr endlich zu Hause. Krempel packen, alles vorbereiten, Auto beladen, damit wir um 21 Uhr in die Heia können und Freitag morgen 4 Uhr aufstehen. Der Weg von Hannover bis Kematen ist weit …

– Freitag morgen, 1 Uhr. Licht aus!

– Freitag morgen, 4 Uhr, Aufstehen…

– Freitag morgen, 4 Uhr 5. Aufstehen!

– Freitag morgen, 4 Uhr 10… Ist ja schon gut!! Ich hab mich verstanden!! …

– [Schnitt]

– Rauthhof, Kematen, Tirol, 13 Uhr 30. Das Handy bimmelt.
Beezle.
Er sitzt hinterm Haus am Pool. Wo ich denn bleibe. Gemach, auspacken muss schon noch erlaubt sein.

– Man trifft sich am Pool. Die ersten Forumsgesichter:
Beezle
und BlueSteel (mit Familie).

– Mit Schreck stelle ich fest, dass ich meine Verpflegung vergessen habe. Wie soll ich denn ohne meine altbewährt-heissgeliebten Reiskuchen durchkommen? Also ist noch Einkaufen angesagt. Kematen hat alles, sogar einen Supermarkt.

– Irgendwann rollen wir dann tatsächlich durchs Inntal. BlueSteel bleibt im Rauthhof, er hat genug für heute.

– Bei zig SMS, Anrufen und Käsespätzle in Unterperfuss wird es immer später. Maratona meldet sich von hinterm Brenner. Start um sieben? Sie werde versuchen, die Meute zu überzeugen. Die „Meute“ ist der ganze Schwung Berliner, die sich seit Tagen zum Einrollen in Sterzing einquartiert haben. Powder ist auch eingetrudelt. Er pennt vor der Kirche in Kematen. Auf dem Rückweg zum Bett statten wir ihm noch einen Besuch ab. Nass ist’s. Der Arme.

– Licht aus um halb eins. Der Wecker wird um 5 bimmeln, na toll, dann bin ich ja so richtig erholt…

Hauptgeplänkel

Frühstück im Rauthhof: klasse. Lecker, wenngleich sehr früh. Leider hat das mit den zugesagten Nudeln zum Frühstück nicht ganz hingehauen; der Chef kommt erst um halb sieben; das wird zu knapp. Also Brötchen mampfen, soweit das geht. Wo ich doch sonst erst

Start in Kematen

3 Stunden nach dem Aufstehen was runter krieg‘. Also zumindest die Verpflegungsfrage für

den Ötzi hatte ich ja ganz anders geplant.
– Start mit der ersten Gruppe in Kematen um sieben. Zwanzich Grad hat“s schon, sehr schön.

Man palavert noch ein bissl, Fototermin, zwanzich nach sieben geht’s los.
– „Och ja, bis Innsbruck und dann zum Brenner schön einrollen“, das passt.

– Von den Jungs da vorn kann wohl keiner Gedanken lesen?!? „Schön einrollen“ ist was anderes.

– Kurz nach dem Ortsausgang Innbruck, rauf zum Brenner, lässt ginny abreissen. Oh weia, jetzt schon? (Ich hatte ja zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, dass ginny ginny ist…)
Am Brenner
– Am Brenner erste Verpflegung. Andrea wartet schon mit dem Planwagen …

– Nach und nach fahren alle weiter. Beezle, joseluis und ich warten auf ginny, die dann auch bald auftaucht.

– zu viert geht“s weiter Richtung Sterzing. Erstmal. Bis es vor mir fürchterlich rasselt. Massive Schaltprobleme bei Beezle. In allerletzter Sekunde können wir Schlimmeres verhüten: das Schaltwerk war drauf und dran, sich in den Speichen umarmen zu lassen. Leicht verschrammte Speichen sind ja noch zu verkraften.

– Die Abfahrt nach Sterzing läuft glatt. Unten ausziehen; der südalpine Sommer heisst uns willkommen. Beim Verstauen der Windjacke rollt eine rote Gestalt näher: „Hi, seid ihr vom Forumsötzi?“ Eine Antwort scheint unnötig: „Ich bin Hatti.“ „Aha“, denke ich mir, „ein Schrippenverschlinger.“ Hatti berichtet von den verschiedenen Berliner Grüppchen und ihren eigenen Süppchen. Da fährt irgendwie jeder was anderes.

– Weiter Richtung Jaufenpass, der sich dann auch bald schon zeigt. Nach ein paar Hundert Metern geben mir meine Beine meinen eigenen Rhytmus vor und ich schraube mich allmählich vor die anderen. „Wir sehen uns oben!?“ wirft mir joseluis noch hinterher. „Alles klar, selbstredend.“

– Der Brenner hatte ja noch Mittelgebirgsqualitäten, was Länge und Steigung angeht. Jetzt wird es deutlich alpiner. Geil! Die Strasse windet sich durch Nadelwald, mal mehr, mal weniger steil. Schattige Abschnitte wechseln sich mit sonnigen Dörfern und einigen Kehren ab. Der Ausblick zurück und runter ins Ratschingstal wird Stück um Stück beeindruckender. Irgendwann steht ein Biker mit seiner schönen historischen Maschine am Strassenrand. Zigarettenpause, Talblick. Kurz danach überholt mich der nur scheinbar gelassene Typ bei Gegenverkehr. Immerhin hätte noch ein gefaltetes Blatt Klopapier zwischen uns gepasst. Du Bödmann mit deinem alten Schrotthobel! Überhaupt diese Scheiss-Motorräder.

– Irgendwann ziehen sich die Bäume als Zuschauer zurück. Es kann nicht mehr weit sein. Und tatsächlich: die letzten Kehren offenbaren sich. Die Passhöhe mit ihrem kleinen Hüttchen wird sichtbar. Andrea steht bereit, schiesst ein Foto. Vor meinem geistigen Auge mache ich das zweite Häkchen. Kühl hier, wenn man nicht mehr strampelt. Klamotten rausfummeln, zwei Brötchen, eine Banane und ordentlich Wasser. So, besser, jetzt kann ich auch gelassen klönen. Reichlich Forumsötzis hier. Ein paar davon stürzen sich bereits in die Abfahrt. Die Berliner sind auch da, empfangen ihre Leute, schiessen Bilder. nimmersatt, den ich irgendwo untern überholt hatte, taucht auf. Irgendwann dann auch joseluis, schliesslich beezle und ginny. Beezle ist froh noch am Leben zu sein. Sein 27er Ritzel war weiterhin bockig. „Ich hätte heulen können, als ich das Auto sah.“ Oha, da hat wohl jemand ein Wechselbad der Gefühle hinter sich. „Wie schön, dass mein Auto so bequem ist.“ Beezle beschliesst, den Rest der Strecke durch die Windschutzscheibe zu betrachten. „Aber nächstes Jahr bin ich wieder dabei!“ Die zweite Auflage des Forumsötzis wurde soeben beschlossen.

– „So langsam könnte ich ja weiter“ denke ich mir. Die anderen sind mit Verpflegen noch nicht durch. joseluis hat sich noch einen Apfelstrudel bestellt. Klar, dolce vita muss sein, schliesslich sind wir in Italien.

– Meine erste Stunde am Jaufenpass ist mittlerweile voll. Der letzte Bissen Apfelstrudel verschwindet in joseluis‘ Magen. „Das wird zeitlich heute nix mehr…“ beschliesst er seine Umkehr. Er fährt Richtung Sterzing ab, über den Brenner zurück nach Hause. „Hä? … Dolce vita eben. Na denn, dann also doch allein ins Vergnügen.“ Familie Beezle fragt, ob sie mich am Timmelsjoch-Flachstück oder ganz oben wieder versorgen sollen. Zwei Flaschen, zwei Brötchen … „Oben reicht, danke. Bis dahin!“ habe ich es nun so langsam eilig. Das Wetter fällt mir wieder ein.

– Die Abfahrt ist genial. Erst baumlos, dann wieder zunehmend waldig. Reichlich Kehren und leider auch reichlich Motorradfahrer, die das abfahrende Rennrad mal wieder unterschätzen. Die eine oder andere Situation war mal wieder völlig grundlos haarsträubend. Der Wald riecht gut, je wärmer es wird, umso besser. Überhaupt: die Wärme. Meine Fresse, hier unten ist Hochsommer! Fahrtwind ist was feines!

– Der Weg durch St. Leonhard Richtung Timmelsjoch ist nicht zu verfehlen, die Ausschilderung für einen alleinfahrenden Hannoveraner völlig unproblematisch. Allein, ach ja … und noch über die Hälfte.

– Der letzte Kreisel im Ort, auf drei Uhr Ausfahrt zum Timmelsjoch. Kurz danach drei Renner in offensichtlichem Berliner Dress. „Forumsötzis?“ Einhelliges Nicken. Schwein gehabt, doch nicht allein weiter. Ich krame mein Handy raus, um die vereinbarte SMS an Kathrin zu schicken. „Bin in St. Leonhard.“ Jetzt haben wir beide drei Stunden Zeit. Ich mit dem Radl zum Joch, sie mit dem Auto auf der anderen Seite zur Mautstation. Die drei warten auf Pinguin. „Pinguin? Warten?“ denke ich mir. „War das nicht einer von den Powerschinken?“ Ich beschliesse, mit gut anderthalb Stunden bisher genug gewartet zu haben und will losfahren. Die Berliner setzen sich plötzlich auch in Gang und fahren schliesslich auch ohne den verlorenen Sohn weiter. Ein Missverständnis? Unfreundlichkeit meinerseits? Falls das so ankam, es war nicht so gemeint. Nach kurzer Zeit steht der Berliner „Robbenbus“ (Robben Wientjes) in einer Haltebucht. Die Berliner fahren rechts ran, also bin ich doch wieder allein.

– Von hinten schliesst ein Einzelfahrer mit Rucksack auf. Langsam aber stetig kommt er heran. „Pinguin?“ frage ich ihn. „Was für“n Vogel?“ entgegnet er verwundert. „Forumsötzi? Nö, keine Ahnung.“ Ein Tiroler Rennfahrer auf Trainingsrunde. Seine „Rennmaschine mit Trainingübersetzung“ fahre er. „Höllisch anstrengend.“ „Anstrengend, aha.“

– Der Berliner Bus muss mich überholt haben, denn plötzlich steht er wieder vor mir. Maratona zeigt sich besorgt: „Bananen? Wasser? Alles klar sonst?“ „Alles bestens, danke“. Klar wäre Wasser jetzt der Bringer. Aber nochmal anhalten mag ich jetzt nicht. Die Beine halten im Moment die Klappe, tun klaglos ihren Dienst, da werde ich nix dran ändern.

– „Drei Stunden dauert das Timmelsjoch,“ erzähle ich mir zwischen zwei kurzen Tunneln „wie lange geht das wohl schon so?“ Das Zeitgefühl geht mir hier völlig flöten. Hinter Moos weitet sich der Blick aufs nördliche Passeiertal: durch die baumlose, tiefgrüne Bergflanke winden sich die Kehren Richtung Himmel. Der Anblick ist so faszinierend, dass ich mir der Schwierigkeit dieses Abschnitts des dritten Passes gar nicht bewusst werde. Das Flachstück ist längst vorbei. Die Steigung liegt stetig um die zehn Prozent, mal mehr, mal etwas weniger.

– An der Timmelsbachbrücke eröffnet sich rechts ein unglaublicher Anblick: kitschig schön wie Heidis „Königin der Berge“. Nein, Kitsch hängt in der Gemäldeabteilung von Woolworth. Das hier ist echt! Echt geil! Anhalten, Foto schiessen. Wir sind ja nicht auf der Flucht. Meine Beine lassen es zu.

– Das Gelände wird immer karger. Die Kehren kommen. Na, dann sehen wir mal. Es wird merklich kühler, stippelt hin und wieder. Für die Regenjacke kein Grund anzuhalten. Von oben kommen ein paar Rennradler. „Ist nicht mehr weit!“ meint einer, „du hast es bald geschafft.“ Das tut gut. Wenn man schon wieder so lange allein ist, lechzt man nach menschlicher Zuwendung wie ein Knacki in Einzelhaft.


– Irgendwo vor mir grinst mich ein Forumstrikot an. Es ist BlueSteel. Kurz bevor ich an ihm dran bin, fasziniert mich mal wieder der Ausblick. Die Tiefe der Schlusskehren unter mir kann nicht unfotografiert bleiben. Bevor ich noch meine Beine um Erlaubnis bitte, habe ich schon angehalten. An meinem grobmotorischen Gefummel an der Kameratasche merke ich die zunehmende Erschöpfung. Das Resultat im Sucher rechtfertigt aber alle Mühen. Weiter!

– Ein paar Kehren weiter hockt BlueSteel unter einem kleinen Felsüberhang, müht sich mit seiner Jacke ab und verpflegt sich. Irgendeinen Gruss schicke ich herüber, habe aber keine Ahnung mehr, was ich genau gesagt habe. „Nicht mehr weit“ sagte der Typ doch vorhin. „Kam der auch hier lang?“ Die Kehren führen doch ins Nichts. Täusche ich mich oder guck ich allmählich über Kreuz? Das Handy fiepst. Eine SMS, sicher von Kathrin. „Nö, nicht nochmal anhalten, ich bin doch eh gleich da.“

– Kurze Zeit später dann des Rätsels Lösung: das Nichts entpuppt sich als Loch im Berg. Ein waagerechter Tunnel beendet die schier endlose Mühe. Dahinter dann endlich der Blick ins Ötztal. Ein Schmelzwasserfall ergiesst sich zur Strasse. Klasse! Und wieder Fotopause. „Die Beine? Mir doch wurscht.“

– Noch ein zwei Kurven und das Joch ist in Sicht. Beezle sieht mich herankommen und springt Richtung Kofferraum, sich die Kamera schnappen. Noch bevor ich am Auto bin, wandert mein Notizblock wieder vor“s geistige Auge: Häkchen Nummer drei.

– Phhhh, geschafft. Ich und auch der Berg. Ich mach es kurz. Klamotten anziehen, einen grossen Schluck Wasser, zwei, drei Fotos noch, weiter. Kathrin wird mich an der Mautstation versorgen. BlueSteel schnauft heran. „Hi!“. … „Tschüss!“Kurzes Dankeschön an Familie Beezle und ab Richtung Ötztal. Vom grossen Parkplatz bölkt Maratona zu mir herüber: „Wasser? Bananen? Alles klar sonst?“ Entzückend, wie Mutter Courage mit ihrem Planwagen sich um uns müht. „Danke, alles bestens. Meine Relaisstation steht an der Mautstation.“ Keine Minute später dann der Eiskanal: Wahnsinn. Fotostopp Nummer wasweissich. Selbstportrait aus dem Handgelenk. Nach dem fünften Versuch schliesslich die Erkenntnis, dass ich hier oben und in dem Zustand keine freundliche Visage mehr hinbekomme.

– „Wow, das wird ne Abfahrt!“ Die Schwerkraft in diesem Teil der Erde ist atemberaubend. Plötzlich ein Klackern wie von herabfallenden Felsbrocken…Gemsen?

– Es sind meine Zähne, die aufeinander schlagen. Schnatternd wie eine Ente merke ich, dass ich vor lauter
Schlottern alle Mühe habe, den Lenker nicht zu verreissen. Also bremse ich mehr, als mir lieb ist. Sicherheit vor Temporausch. Dann der Gegenanstieg. Normalerweise an dieser Stelle unendlich fies, bin ich für diese schnelle Aufwärmung sehr dankbar.

– Endlich die Mautstation. Kathrin ist natürlich neugierig. Mampfend und trinkend berichte ich im Telegrammstil. Ihrem angestrengten Blick kann ich entnehmen, dass ein Bissen mehr meine Verständlichkeit sicher nicht weiter verbessern würde…

– Der Robbenbus kommt durch, ich erkenne BlueSteel und nimmersatt, dann noch weitere Forumsradler. Andrea und Beezle hatten auch kurz angehalten, wähnten mich in guten Händen und wollten gleich weiter. Man würde sich an Pass Nummer vier treffen. „Zeit aufzubrechen, das Ötztal ist noch lang und das Kühtai wartet ja auch noch.“ Während ich aufs Rad steige beschleicht mich das Gefühl, wieder allein fahren zu „dürfen“. Die oberen Kehren gehen noch flott, dann wird es merklich flacher und der Wind bläst mir aus dem Tal entgegen. Gut 50 km Gegenwind, na super. Aber was ist man als Nordlicht nicht alles gewohnt.

– So geht das dann eine Weile. Kathrin überholt mich und steht dann wieder unvermittelt am Strassenrand um zu fotografieren. Sooo allein bin ich doch gar nicht. Als ich nimmersatt eingeholt habe, wird es mir doch zu warm. Anhalten, Klamotten ausziehen. Und nimmersatt ist wieder weg.

– Ortseingang Sölden. Rechts ein Schild zum … nächstes Jahr! „Ob die anderen hoch sind?“

– Irgendwo zwischen Sölden und Ötz, ich glaube, es war Umhausen, schiesst einer 5er Gruppe Forumsötzis an mir vorbei, als ich mit Kathrin einen Fotostopp hatte. Powder hat mich erkannt und die Truppe nimmt etwas Dampf raus, damit ich aufschliessen kann. „Doch nicht allein nach Haus.“ Wie schön. Die Weiterfahrt verlief flott und freundlich. Antons Freilauf verhinderte, dass ich mich gedanklich allzusehr in der Landschaft verlor. Früher hatten wir uns für so ein Geknatter immer Bierdeckel in die Speichen geklemmt.

– In Ötz kurzer Zwischenstopp. Man hilft sich mit Wasser aus. nimmersatt und – ich glaube?! – tourmentor wollen durchs Inntal zurück. Die Sonne ist uns noch immer hold, der Himmel hell. Kaum zu glauben, das Wetter hält. Das Kühtai steht bereit…

– Gleich in Oetz geht’s zur Sache, der Berg wird flott zweistellig. Die Beine sind noch gut. Mehr noch: es macht noch immer Spass. Die Strecke ist ein Traum. Fast kein Auto und erst recht kein Motorrad trüben das Vergnügen oder gar die Luft. Der Weg führt durch Wald, was das Klima ein paar Grad kühler macht. Irgendwann zerfallen wir in Grüppchen. Ich teile mir den Anstieg mit Vingard. Er kennt die Strecke, versucht mich zu beruhigen: „Jetzt kommen sechs Kehren, danach wird es dann flacher. Locker bleiben, nicht hetzen, damit der Steilabschnitt noch gut geht. 16% aber „nur“ 300 Meter. Dann ist es schon su gut wie vorbei.“ „Aha. Danke für die Baldrianpille, aber Tacho und Höhenmeter plazieren uns erst in etwa der Mitte des Antiegs. Naja, Klaus ist ein netter Kerl. Der gute Wille zählt!“

– Die sechs Kehren sind schön, so mitten im Wald. Auch das versprochene Flachstück tut gut. Die ersten Viecher stehen rum, links und rechts immer wieder reissende Bergbäche, die einen glauben lassen, durch einen Kühlschrank zu fahren. Plötzlich bäumt sich die Strasse vor uns auf: das Steilstück. Plötzlich einsetzender, ganz leichter Regen bringt rechtzeitig angenehme Kühlung. Puuuh, in der Tat, bisher war ich noch der Meinung, den Rettenbachferner hätte auch noch irgendwie reingepasst. Jetzt bin ich froh, dass ich den Unsinn habe bleiben lassen. Die Weisheit des Alters; wie gut, dass ich nur so heisse, es aber nicht mehr bin 😉

– Vingard hält an, kramt seine Regenjacke raus. Er wird warten, weil er noch Antons Jacke im Rucksack hat. Meine liegt bei Kathrin im Auto. Egal.

– Irgendwann zieht sich dann auch der Wald allmählich zurück, es wird heller. Hinter uns scheint längst wieder die Sonne, der Regen zieht vor uns ab und … überm Kühtai steht ein traumhaft schöner Regenbogen! Radmarathon ins Paradies, die Gefühle schlagen Purzelbaum. Anhalten, Kamera rauskramen, Bilder schiessen für die Nachwelt. Mir wird bewusst, dass es nun nicht mehr schöner werden kann. Konnte ich denn ahnen, wie sehr ich recht behalten sollte?

– Vor mir erhebt sich der Damm des Stausees, da muss ich noch hoch. Für einen kurzen Moment nochmal reintreten. Ein zwei kurze Kehren und ich erspähe den See… Am Ufer haben sich Kathrin, Andrea und Beezle getroffen und halten Palaver. Dann wieder das übliche: Foto vom herannahenden Radler, Jacke anziehen, etwas trinken. BlueSteel kommt dazu, dann der inspector, Powder und Vingard. „Ein Stück musste noch.“ meint Kathrin, die ja übers Kühtai gekommen war. „Ja, zu den Häusern da, geht doch.“ meine ich. „Och, naja, ein Stückchen zieht es sich noch..“ „Und warum steht ihr dann HIER? Wir sehen uns oben!“ Ich steige aufs Rad und hänge mich an inspector, der auch schon wieder weiterrollt. So, und jetzt sagen mir meine Beine endlich, was sie von den ewigen Stopps und Fotopausen halten. Zurückhaltend zitiert klang das in etwa nach: „Wir sind nicht sehr angetan!“ Aha, danke fürs Gespräch. Zu den Häusern war der eine Teil, durch den Ort der andere. Nicht der längste, nicht der steilste, schon gar nicht der schönste Teil der Strecke (aber als definitiv letzter Anstieg dann ja irgendiwe doch): es war der fieseste!

– Überhaupt: Ort! So schön das Kühtai als Alm, so erbärmlich die Siedlung als Wintersportort im Sommer. Wurscht, ich habe nur einen Blick für meine Klamotten, die letzten zwei Brötchen und eine frische Pulle. Dann lockt die königliche Abfahrt. Im Winter auf der Rolle habe ich mir die Königsetappe der Deutschlandtour angesehen, habe eine ungefähre Ahnung, was kommt. Nur eben andersrum. Leider hat der regenbogenspendende Regen die Strasse abgespült und die nicht wenigen Kanaldeckel sind tückisch. Aber auch mit mehr Bremsen als eigentlich gewünscht, macht die Abfahrt einen Heidenspass. Und immer wieder stehen Viecher an oder auf der Strasse. Ein paar Kurven vor mir taucht ein Forumsötzigrüppchen auf, das darauf ungeduldig wartet, dass sich eine Familie zotteliger Langhornrinder von der Strasse bequemt. Bevor ich aufschliessen kann, macht Mama Kuh eine Lücke auf, die das Grüppchen mutig nutzt. Mut gehört dazu, denn als ich kurz darauf auch noch eben durchwischen will, schaut mir Papa Bulle ins Auge und macht einen kleinen Ausfallschritt. Die Kinder am Gatter schütten sich aus vor Lachen: „Die tuan nix!“ „Hinterm Gatter hätte ich auch ne grosse Klappe. ICH habe ne rote Jacke an …“ denke ich so bei mir. Augen zu und durch.

– Die einzige beampelte Baustelle der Abfahrt beschert mir dann auch wieder Anschluss: mit BlueSteel, Inspector und noch irgendwem anders (sorry: Ötzi-Amnesie) fahren wir zu viert weiter, wechselweise durch grünumwaldete Kurven und Lawinengalerien. Der wieder leicht einsetzende Regen macht jetzt auch nix mehr: vor uns taucht ein Ortsschild auf, „Kematen“ steht drauf. Schön! Und gleichzeitig auch wieder schade, bedeutet es doch das Ende einer traumhaften Forumsrunde. Die letzte Strassenzüge durch Kematen werden breit grinsend durchradelt – hoffentlich sieht mich jetzt keiner :-)))

Nachgeplänkel

– Vorsichtig den Rauthhof umrundend frage ich mich, wie ich denn nun an die ersehnte heisse Dusche gelange. Kathrin scheint noch nicht da. Noch bevor ich den Plan zum Fensterln ausarbeiten kann, kommt sie um die Ecke. Bussi, Glückwunsch, Treppe hoch, Rad in die Ecke, Duschhahn auf ….

-[Schnitt]

– Als wir in Richtung Unterperfuss aufbrechen wollen, rasseln wir vorm Rauthhof mit der ebenfalls breit grinsenden ginny zusammen. Alle wieder heil vereint. „Wir haben dir einen Zettel in die Tür geklemmt. Mach erstmal, Dusche und so, dann bimmelst du durch und machen nochmal schnell Fahrdienst.“ So wird es denn auch passieren. Gerade als uns in Unterperfuss das Essen serviert wird, bimmelt das Handy…

– Es folgt noch ein netter Abend in ziemlich geselliger Runde. Dabei waren: Weissbier, riesengrosse Pizza, Pasta, Eiscafe, viieeel Spass und draussen ziemlich starker Regen.

– Nicht dabei waren: die gesamte Berliner Truppe und noch ein paar frühheimgekehrte Einzelkämpfer. Leider. Nächstes Mal seid ihr aber dabei, Ausreden werden ausnahmslos abgelehnt!

– Überhaupt: nächstes Mal! Im Grunde genommen kann die Anmeldung zur 2007er Auflage doch schon wieder gestartet werden. toboxx, schlag „nen Termin vor!

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