FÖ 2007 – Edeldomestik – der lange Bericht

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Published on: 21. Juni 2007

Edeldomestik

Forumsötzi: Mein Bericht

Auch die Tiroler Vögel zwitschern morgens. Es ist 4:53 Uhr und statt der befürchteten Regentropfen, die mit penetranter Monotonie gegen die Fensterscheibe meines Zimmers hämmern, weckt mich der fröhliche und lebendige Singsang der Natur. Ich schließe das Fenster und versuche vergebens wieder einzuschlafen, denn der Wecker soll mich eigentlich erst genau eine Stunde später wecken; Frühstück gibt es ab sechs. Ich bin wohl schon zu motiviert. Oder nervös. So schalte ich, wie jeden Morgen, MTV am Fernseher meines gemütlichen Zimmers an und passend für den Moment versucht mich Mika zu beruhigen und singt mir „Relax, take it easy!“ vor.

Etwas um sieben Uhr. Ich rolle zur Kirche von Kematen, dem Startpunkt des Forums-Ötztalers. Ich sehe weitere neue Gesichter; das ein oder andere kannte ich vorher schon von Fotos aus dem Forum; erkenne den ein oder anderen am Rad. Auch wenn das Forum beizeiten etwas sehr persönliches ist, ist es trotzdem zum größten Teil anonym. Man verbringt viel Zeit vor dem Bildschirm. Doch die- oder derjenige dir gegenüber bleibt ein Name, ein Nick, ein Alias in den Weiten des Internets, auf dessen Persönlichkeit und Charakter du nur aufgrund des Geschriebenen schließen kannst; ein gesichtloses Gesicht unter Tausenden, dessen Aussehen du dir vor geistigem Auge nur aufgrund von Nick und Avatar vorstellen vermagst. So zum Beispiel hielt ich bis zum Forums-Ötztaler Wochenende an dem Glauben oder der Vorstellung fest, ThomasD hätte sehr wenige Haare mit der Tendenz zur Glatze und eine eckige Brille; womöglich noch ein Freund von Rapmusik. So darf ich nun eine Änderung in meinem Forumsnick-Katalog vornehmen und ThomasD unter den Langhaarigen speichern, die Gitarrenmusik bevorzugen. So lernt man sich endlich mal richtig kennen und ich wünsche mir, mehr gemeinsame Stunden wie diese hier verbringen zu können; ganz direkt ohne den Umweg irgendwelcher Leitungen und Bildschirme.

So stehen wir nun in voller Montur und mit Beinen, die darauf pochen endlich treten zu dürfen, vor der Kirche und warten, bis es losgeht. Geplant war sieben Uhr, doch es dauert noch ein wenig, was man hier und da dazu nutzt, sich vorzustellen oder die letztmöglichen Tiefstapeleien loszuwerden. Das Gruppenfoto wird gemacht und losgeht es. Anton führt die Gruppe nach Innsbruck und rein in die alte Brennerstraße. Der erste Anstieg des Tages hat damit begonnen. Als De Vingard antritt und aus der 26-Mann-und-Frau-starken Gruppe rausfährt, denke ich mir, nur gut, dass es nicht jetzt schon losgeht, keine fünf Minuten im Anstieg, mit den Attacken, und wir nicht einfach das schöne Wetter, den Blick auf die Berg Isel-Sprungschanze und das Radfahren als Radfahren genießen. Meine Sorgen sind unbegründet, De Vingard fährt rechts ran, macht Fotos von der Gruppe und der radsportlerische Frieden wäre somit gerettet.

Den Brenner rollern wir also locker hoch. Jedoch blicken wir uns vorne irgendwann mal um und dürfen erkennen, dass wir zu acht quasi den testa della corsa bilden. Auch weiter hinten hat sich das Feld aufgebröselt. Hier am Brenner haben sich damit schon die ersten Grüppchen gebildet. Allerdings muss man dazu sagen, die ganze Veranstaltung hat keinen Renncharakter, nicht einmal gegenseitiges Zerfleischen am Berg. Wir sind hier gemeinsam und miteinander unterwegs, haben unseren Spaß. Zudem denke ich auch, dass wohl doch alle ihren Respekt vor der Distanz haben, um da irgendwelche Spielchen zu treiben. Ich muss mich zu Beginn zwingen, ruhig zu bleiben, still zu halten. Ich kenne die Strecke nicht und ich kenne so eine Distanz mit der Anzahl an Höhenmetern nicht.

Wir kommen oben am Brenner an und gehen gleich runter in die Abfahrt nach Sterzing. Der Jaufen wartet nicht lange. Unten halte ich kurz an, um Knielinge und Weste ins Trikot zu verstauen. De Vingard gibt mir von sich Wasser für meine leeren Trinkflaschen. Ich fahre mein Tempo und lasse die anderen vorerst ziehen. Später fahre ich konstant mit 200 Metern Abstand zu Bergabfahrer und Nippes und denke mir, bevor ich jetzt eine Stunde mit dem Abstand hinter ihnen herfahre, schließe ich lieber das Loch und fahre in Gesellschaft. So geschehen und wir fahren gemeinsam gen Passhöhe. Dabei holen wir noch De Vingard, Cervelo-Fan und Inspector ein und bilden so ein schönes Grüppchen. Ich bin überrascht, wie gut die Gruppe läuft, wie homogen sie ist. Es macht Spaß mit den Jungs. Nicht nur schnell unterwegs, sondern auch super nett, so wie alle, die ich an diesem Wochenende kennen lernen darf.

Nach einer guten Stunde wird sich oben am Jaufen größer verpflegt. Bergabfahrer und Cervelo-Fan gönnen sich eine Wurst. Frau Zwanzich, die das einzige Begleitfahrzeug fährt, mischt Inspector und mir Magnesium in eine Wasserflasche. Es fehlt an nichts, es wird sich gekümmert und wir sind in besten Händen.

Die Abfahrt vom Jaufen nach St. Leonhard ist schnell – das obere Teilstück ein Traum: Ein paar Kehren, dann schlängelt sie sich sanft, ohne dass der Asphalt zu großen Kurven ausschweift, am Berg entlang. Die Straße ist übersichtlich und lässt höchste Geschwindigkeiten zu. Du lehnst dich weit über den Lenker, machst dich so klein es geht und lässt es laufen. Inspector sagt an der Passhöhe zu mir, ich könne schon mal zufahren, er hole mich eh gleich ein. Das nehme ich gerne als Herausforderung an und stürze mich in die Abfahrt. Später sagt er zu mir, er habe recht lange gebraucht, um mich zu bekommen, doch in der Situation, als es soweit war, war ich richtig überrascht, ihn auf einmal neben mir zu haben. Doch Inspector ist anscheinend zu Recht bei einen der letzten Kommerzötzi-Austragungen die schnellste Jaufenabfahrt gefahren. Ich weiß das, nehme die zweite Herausforderung an, und versuche, sein Hinterrad zu halten. Im unteren Abschnitt der Abfahrt knallt es plötzlich vor mir und Inspector steht mit einem platten Hinterradreifen da. Ich fahre alleine weiter, erreiche St. Leonhard und muss eine Weile warten bis die gruppo giovo wieder zusammen ist. Die Zeit nutze ich, um wiederum meine wärmeren Sachen zu verstauen, ein Gel zu mir zu nehmen, mir zu schwören, bei der nächsten Abfahrt es nicht so krachen zu lassen, denn das war zum Teil doch ein wenig zu gefährlich, und mich innerlich auf den nun folgenden 30 Kilometer langen Anstieg, auf das Timmelsjoch einzustellen.

Es läuft ganz gut. Die Gruppe fällt auseinander und De Vingard ist bei mir. Ich mache für uns beide das Tempo, und wir schrauben uns den Berg hinauf. Die Landschaft ist herrlich; noch ist meine Wahrnehmung ungetrübt, meine Sinne, meine Gedanken noch nicht fokussiert auf das alleinige Ziel, endlich oben anzukommen und die Passhöhe zu erreichen. 39-27 ist schon lange gekettet. 39-27 mein Gang für die Berge mit dem ich am Brenner sowieso und am Jaufen gut zu Recht kam. 39-27 als leichteste Übersetzung; da wurde ich schon gestern Abend mit Mitleid überhäuft, abwechselnd mit skeptischen Bemerkungen und zweifelnden Blicken ob meiner Zuversicht. Jetzt behaupte ich, diese Zuversicht ist wohl eher als jugendliche Naivität und Unbedarftheit anzusehen. Und als Stolz. Meine Heldenkurbel und ich; mein Stolz; das, was mich vom gemeinen RTF-Touri unterscheidet, von der Rentnerübersetzung. Die Heldenkurbel, der Stolz des Rennfahrers. Das Timmelsjoch, ich und meine Heldenkurbel und der Beinah-Heldentod. Irgendwann muss ich die Führung abgegeben und De Vingard macht sich meinen Namen aller Ehre und begleitet mich als Edelhelfer.

Schleichend kam er. Ich stelle ihn mir groß und bärtig vor, nahezu grob und unbeholfen. Tapsige Schritte führen ihn an sein Ziel, aber anscheinend trotzdem leise. Er zerlegt dich fein säuberlich. Doch zu erst packt er dich mit seinen rauen Händen, groß wie Paddel, an deinem Genick. Dann drückt er dich auf den Asphalt. Und dann zerlegt er dich fein säuberlich mit der präzisen Akribie eines Chirurgs. Er hämmert auf dich ein, der Mann mit dem Hammer. Er hämmert dir den Lebenssaft aus dem geschundenen Körper, raubt dir deine Kräfte, und selbst das letzte Refugium des Menschen, sein Geist, die Freiheit der Gedanken, wird Opfer der harten Schläge, die so frequent auf dich niederprasseln, wie du vorher, frei von jeglichen Problemen und Beschwerden, munter in die Pedale getreten hast. Bester Freund und Helfer, der Zuarbeiter ist ihm der Hunger gewesen. Ich habe ihn nicht bemerkt und habe ihn nicht kommen sehen. Meine Verpflegung, meine Riegel und Gels, die ich mir von Zuhause zuhauf mitgebracht habe, sind im Begleitfahrzeug und das letzte Gel habe ich am Fuße des Timmelsjochs aufgebraucht. Als es soweit ist, als ich schon unter den ersten brutalen Schlägen leide, ist es zu spät. Soweit war alles locker und gut. Man sollte essen, solange es einem noch locker und gut ergeht – ich Anfänger.

De Vingard fährt vor mir; erzählt mir vom Regenötzi 2003; versucht mich abzulenken; gibt mir Riegel. Das flachere Teilstück des Timmelsjochs kommt mir gelegen, doch auch die kurze Ruhephase bewahrt mich nicht davor, in den letzten Kehren zu leiden wie ein streunender Hund in der prallen Mittagssonne, die unerbittlich auf den Planeten knallt. Ich stehe wie ein Eimer Sand auf der Straße. Das ist kein Anstieg mehr, sondern ein Wandteppich aus Asphalt, der vor Jahren von irgendwelchen größenwahnsinnigen Menschen an den Berg gehängt wurde. Nicht zu dekorativen Zwecken, nein, sondern vermutlich einfach aus dem schlichten Grund mir meine Grenzen aufzuzeigen und mir eine Lehrstunde zu bereiten. Oder eher zwei.

Ich bin im Delirium. Mir fallen die Augen Intervallweise zu und meine Trittfrequenz hat sich traurig und müde bei gefühlten 40 Tritten pro Minute eingependelt. Die Heldenkurbel und der Heldentod. Ich nehme alles zurück, was ich Abfälliges über Rentnerritzel et cetera gesagt habe. Alles. Und selbst bei den Profis ist die Kompaktkurbel kein rotes Tuch mehr. Und wenn die dürfen, wenn sie sich die scheinbare Blöße geben, dann darf auch ich mit meinen komischen Prinzipien brechen. Genau. Das sich einzugestehen ist gar nicht so schlimm. Nie wieder! Ich komme nie wieder mit Heldenkurbel an diesen Berg zurück. Es ist möglich. Ja, es ist möglich mit Heldenkurbel dort hochzufahren, aber es ist nicht schön. Es ist böse. Es ist übel.

Ich kämpfe. Ich verdränge meine Gedanken ans Aufgeben, verbanne die Gedanken an den Besenwagen und den Straßengraben, der mich zu sich herzuziehen versucht, mich teuflisch anlächelt und mir einen erlösenden Platz im Schmutz anbietet; schmutzig, ja, aber frei von Qualen und Schmerzen. Ich komme letztendlich oben am Tunnel an. Ich bin glücklich und die gierigen Züge aus der 0,33 Liter Cola Dose scheinen mir all meine Lebensenergie wieder zurück zu geben. Die schwarze Flüssigkeit ersäuft den Mann mit dem Hammer und ich bin glücklich. Ich bin oben und habe mit Erreichen der Passhöhe nach zweieinviertel Stunden die Gewissheit erlangt, du schaffst dein Ziel.

Kingtom erreicht uns mit sämtlichen Fingern in der Nase und auch Barbotto kommt zu uns. Oben werde ich noch einmal verpflegt und ab in die Abfahrt. Ich steuere eine der ersten Kehren zu schnell an, die Bremse ist noch zu kalt und ich fahre gerade aus weiter ins Geröll, komme aber rechtzeitig vor dem Abgrund zu stehen. Kingtom und De Vingard sind damit weg. Sie soll ich erst beim Abendessen wieder sehen. Ich gehe zurück auf die Straße und fahre ruhiger und vorsichtiger weiter. Dann noch die Mautstation hoch, an die ich mich im Nachhinein wohl nicht mehr richtig erinnern werde, wobei sie für andere gefühlte 4000 Höhenmeter haben wird. Ich komme im Tal an, blicke nach vorne: niemand zusehen, und blicke nach hinten und kann Barbotto erkennen. So warte ich und damit soll ich für die letzten Kilometer einen treuen Begleiter und einen zweiten Edelhelfer gefunden haben.

Wir erreichen Sölden und verpflegen uns aus dem Supermarkt. Drei Redbull helfen mir, meine Müdigkeit vom Timmelsjoch endgültig zu überwinden und Kraft für den letzten Pass, für’s Kühtai, zu tanken. Das Ötztal hinunter an den Fuß des Kühtai erweist sich als mühsam, denn der Gegenwind und der einsetzende Regen verhindern ein entspanntes und flottes Bergabrollen. Unten im Anstieg sind sich Barbotto und ich einig, dass jeder sein eigenes Tempo fährt und wir oben aufeinander warten. Leichter, warmer Nieselregen sprenkelt die Sonnenstrahlen und ich trete. Es geht gut. Ich habe mich tatsächlich einigermaßen erholt und trete. Barbotto bleibt hinter mir und irgendwann verliere ich ihn. Nebelschwaden bevölkern den Asphalt wie Gespenster und ich trete. Es rollt und teilweise kann ich sogar das 24er ordentlich fahren. Kühe bevölkern gemütlich die Strecke und die Wiesen drumherum. Das Kühtai bäumt sich mit 16 Prozent vor mir auf und ich stampfe drüber hinweg. Es macht noch einmal Spaß und sowieso denke ich mir, „Ok, gut. Du hast das Timmelsjoch überstanden, dann geht der Hügel hier auch noch.“. Die letzten Kilometer liegen heute unter schwarzem Himmel. Der Himmel hat seine Schleusen geöffnet und der Regen prasselt auf mich ein. Mir ist es egal. Es ist Musik, denn es geht mir gut. Und wenn es dir gut geht, dann hast du deinen apathischen Status zurück erlangt, oder das, was Epikur als Autaraxia bezeichnet hat: Die Unerschütterlichkeit der Seele. Ich habe meine Leiden überwunden und schätze mich glücklich, so einen Tag verbringen zu dürfen. Das kann mir jetzt nichts mehr anhaben. Das Prasseln des Regens wird zum Applaus, zum frenetischen und enthusiastischen Applaus, den man sonst nur von den Zuschauern kennt, die die Hänge der mythischen Anstiege säumen; die die engen Gassen an einem Anstieg bilden und dich mit Begeisterung durch diese hindurch peitschen. Du musst nur lauschen. Atmen, treten, lauschen. Aufsaugen und genießen.

Ich bin oben. Ich hole mir ein Eis, esse es und freue mich, als Barbotto die Passhöhe erreicht. Nächstes Mal bestelle ich mir lieber eine heiße Schokolade. Ich zittere am ganzen Körper und das Klappern meiner Zähne ist ständiger Begleiter auf der Abfahrt nach Kematen. Ich habe noch nie so gefroren. Doch umso freudestrahlender bin ich, als endlich das Ortsschild von Kematen vor uns auftaucht und Barbotto und ich uns vor dem Rauthof glücklich in die Arme fallen. Ein toller Tag. Ein Traum. Und es ist schön mit euch.

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