FÖ 2012 – zwanzich

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Published on: 31. Juli 2012

Forumsötzi 2012 – zwanzichs Bericht

 

Freitag – der Prolog

 

Der (Frei)Tag beginnt früh. Um viertel nach sechs zur S-Bahn, Anschluss in Hannover um halb acht nach Recklinghausen, dort Treffen mit marian84, anschließend Richtung Süden, Zielort Kematen.

Soweit der Plan.

In Hannover werden aus 35 Minuten Wartezeit dann erstmal 75 Minuten. Alle Anschlüsse sind damit gesichert futsch. Also Plan B: marian84 aus dem Bett klingeln und den Treffpunkt von Recklinghausen nach Dortmund vorziehen. Mit der ersparten Umsteigerei könnte damit immer noch ein Einrollen im Inntal drin sein – plan-B-mäßig.

Unnötig zu erwähnen, das auch das nix wird und die Zeit gerade reicht, die Räder fertig zu machen und um 9 Uhr abends im Rauthhof auf die anderen zu stossen.

Dort treffen wir auf ein paar neue und einige altbekannte Gesichter. Das Essen ist wie immer lecker, alkoholfreies Weißbier gibt es ausreichend und zu bequatschen sind natürlich auch allerlei wichtige Dinge…

Der Rückweg vom Rauthhof zur Pension lässt einen heißen Samstag erahnen: über zwanzich Grad um elf Uhr abends hat man nicht alle Tage.

 

Samstag

 

Der Wecker ist unerbittlich, der Blick aus dem Fenster jedoch stimmt gnädig. Ein wolkenfreier Himmel und schon sehr kurzhosentaugliche Temperaturen machen es leicht, wach zu werden.

Frühstück bei Tiffany’s (aka Bäcker Ruetz)

Um kurz nach sechs trudeln wir beim Bäcker Ruetz ein, wo sich sich schon einige Forumsnasen um einen grossen Tisch versammelt haben. Einige bekannte und viele neue Gesichter. Und es werden immer mehr! Das Frühstück ist wie immer grandios! Wer norddeutsche Bäcker mit ihren kargen Auslagen kennt, wähnt sich beim Bäcker Ruetz im Paradies.

Ich futtere, was der Magen nehmen kann. Zu viel ist es nicht: die Kalorien würde ich an dem Tag noch brauchen…

Bis wir dann mit nur leichter Verspätung um zwanzich nach sieben aufbrechen, haben wir stolze 35 Radler beisammen. Das Gruppenbild fällt entsprechend breit aus dieses Mal. Vier Weitere werden später in Innsbruck unter der Bergiselschanze auf uns warten. Überhaupt haben sich dieses Mal auffällig viele Tiroler zu uns gesellt. Kematen, Völs, Innsbruck – alles ist verteten.

 

Brennerstrasse

Bis Innsbruck schlängelt sich dann also unser Lindwurm durch die Strassen. Erst ab Bergisel zerfällt er in zwei Gruppen. Das Tempo ist – wie immer am Brenner – nicht von schlechten Eltern. Später rutscht mir beim Hantieren mit der Knipse mein Portemonnaie aus der Trikottasche und ich muss zum Wiedereinsammeln kurz umdrehen. Der Troß ist in dieser Zeit vielleicht einen halben Kilometer weg, aber das Wiederaufschließen ist bergauf bei diesem Tempo schon eine ordentliche Aufgabe.

Mehr oder minder komplett trudeln wir am Brenner an der Tanke ein, Wasser auffüllen, Futtern, quatschen und den „Easy Rider“ bestaunen …

„Easy Rider“

 

Runter nach Sterzing geht es wie von allein. Eine Windjacke ist nicht nötig. Am Ortsausgang rechts Richtung Jaufenpaß grüsst uns ein einsamer Radler vom Radweg: wildflyer ist im Hinblick auf kostbare Minuten durchgefahren. Matt_8 wollte ja ebenfalls in Sterzing noch dazukommen – aber den hab ich wohl verpasst.

Als sich kurz danach die Straße wieder auflehnt, zerfällt der Lindwurm in viele kleine Grüppchen und Einzelfahrer. Jeder sucht und findet seinen persönlichen Rhythmus, der ihn die zahlreichen Kehren durch den Wald und später die baumfreie Bergflanke zum Jaufenpaß hinauf geleiten wird.

Strudel am Jaufenpass

Von nachlassenden Temperaturen keine Spur: was die Höhe der Luft an Wärme nimmt, gibt ihr die weiter aufsteigende Sonne mehr als zurück. Die drei Stücke Apfelstrudel oben bestelle ich trotzdem warm. Strudel schmeckt warm einfach besser. Zu viel ist es nicht, die Kalorien würde ich an dem Tag noch brauchen …

Nach und nach trudeln alle ein. Manche Gesichter nass, manche blass, aber alle gut gelaunt. Die Gelegenheit zum Plauschen nehme ich dieses Mal – leider – nur sehr halbherzig wahr. Seit Kematen habe ich zwei Männlein auf meinen Schultern sitzen, die mir fortwährend in einen Gedanken reinplappern, der mich schon eine ganze Weile beschäftigt. Wenn die Bedingungen optimal wären, sprich: wenn das Wetter passen würde, wenn die Beine gut sein würden und wenn die Zeit es zulassen würde, ja dann wäre es doch mal an der Zeit, am Ortseingang von Sölden mal links abzubiegen und den Rettenbachferner in Angriff zu nehmen…

Das eine Männlein drängt mich ständig, dies nicht zu vergessen. Das andere findet den Gedanken ganz hübsch, aber nicht soo wichtig. Tja, und nun ist das Wetter ein Geschenk, die Form mehr als zufriedenstellend und ich bin früh dran. Immer und immer wieder überschlage ich also im Kopf, wann ich wo sein müsste …

Letzlich breche ich die Rechnerei ab und mache mich einfach auf den Weg. Ich lasse also all die plaudernden Forumsötzis zurück und geniesse die beinah autofreie Abfahrt nach St. Leonhard. So ungestört ging es noch nie. Klasse!

Unten angekommen an der Spitzkehre scharf rechts und im Kreisel die erste wieder raus. Es ist exakt Mittag, high noon. Kurz nach dem Kreisel verstaue ich meine Armlinge wieder und habe auch prompt wieder zwei Weggefährten: setarkos samt Kumpel sind ebenfalls zeitig weitergefahren und würden nun den Weg zum Joch mit mir teilen – so denke ich mir das jedenfalls. Leider fahren wir unterschiedlich schnell, sodass wir uns ziemlich bald aus den Augen verlieren. Aber auch ohne das eine Männlein auf der Schulter wäre es keine gute Idee zu warten. Ganz besonders das Timmelsjoch will im ganz persönlichen Tempo gefahren werden, das haben zahlreiche Pässe gelehrt.

Und es läuft sehr gut. Die Hitze mag ich sowieso leiden, die Wiesen duften alle nach frischem Heu und der Ausblick wird von Kehre zu Kehre schöner. Die Vögel zwitschern gutgelaunt aus den Bäumen und die Luft ist trotz der sommerlichen Temperaturen frisch und klar. Ehe ich mich versehe, kommt schon das Flachstück, kurz darauf die ersten Tunnel. Am Brunnen links am Gasthof bei Rabenstein treffe ich auf unsere Tiroler Mitstreiter, höre aber auf mein Männlein und beschränke mich auf ein kurzes Flaschenfüllen. Kein Geplauder diesmal, dann bin ich eben so ein komischer Kauz aus dem Norden.

Und so geht das dann munter weiter. Ab der Brücke über die Passer ist es dann wieder vorbei mit den gemächlichen Prozenten. Die Strasse wird mir nun bis zum Holztor wieder alles abverlangen, durch die ersten fünf Kehren, dann durch die letzten drei, Meter um Meter.

Sommerwinterrad

Aber es läuft gut, ich hatte schon mehr gelitten an diesem schönen Stückchen Erde. Schließlich biege ich den Tunnel, 555 fast flache Meter nasser Straße und komme am anderen Ende wieder mitten in der Felsenwüste heraus. Aber die warme Sonne und der strahlendblaue Himmel mit seinen weißen Schäfchenwolken geben diesem sonst eher kalten und abweisenden Ort Licht und Farbe. Die Paßhöhe ist schnell erreicht, Armlinge drüber und weiter. Das Männlein erinnert mich, auf die Uhr zu schauen: zwei und eine Viertel Stunde bis zur Paßhöhe, nicht schlecht. Wenn ich bis drei Uhr in Sölden bin, ist der Abstecher verbindlich gebucht.

Im Schnee kurz vor der ersten Kehre noch ein paar Fotos und dann aber hurtig. Für einen neuen Temporekord reicht es in der langgezogenen Abfahrt diesmal leider nicht, Gegenverkehr und ein Caravan auf meiner Seite mahnen zur Vorsicht. Aber heute ist das egal, meint das Männlein. Der Gegenanstieg ist hier normalerweise ja sehr willkommen, um wieder warm zu werden, aber dieses Mal ist das gar nicht nötig. Selbst bergab mit fast hundert Stundenkilometern ist es immer noch sommerlich. Irre.

An der Mautstation gönne ich mir die kurze Verpflegung, die ich dieses Jahr in Sölden beim Bäcker ja – vermutlich – verpassen werde – falls es denn am Ortseingang noch nicht drei sein wird. Dann geht es weiter. Rechte Kurve, linke Kurve, rechts abiegen, durch die Lawinengalerie nach Zwieselstein, wieder raus und schon ist er da, der Söldener Ortseingang.

„Komm, guck auf die Uhr…“ meint das Männlein.

14:58 Uhr!

Tja…

12% und kein Ende am Anfang

Also links rein, mal sehen, was wird.
Naja, ich merke sofort, was wird: der Anstieg beginnt sofort knallhart beim allerersten Meter. Da gibt es gleich nach der Abfahrt eine mit dem Vorschlaghammer.
Oha.
Und das soll jetzt 14 km so weitergehen? Die Zweifel keimen nicht nur auf, nein sie schlagen aus wie die Bäume im Mai. Nie und nimmer werde ich das bis oben durchfahren können…

Nun, hübsch grün ist die Straße immerhin umsäumt. Es gibt dort reichlich schattenspendende Bäume, die die Qual bei sommerlichem Wetter lindern können.
Aber die Prozente rufen sich immer wieder in Erinnerung, ganz gleich wie schön die Strecke auch sein mag. An der ersten Kehre gibt das Schild Auskunft, wie weit es noch ist und das wird sich bei jeder weitere Kehre wiederholen. Ein schöner Service, der sich zu Beginn dieser Rampe allerdings etwas höhnisch zeigt. Daß man nicht so recht vom Fleck zu kommen scheint, sagen einem die Beine auch ohne Schild.

Der Gegenanstieg mal anders

Allerdings hat die Qual auch eine schöne Seite: man gewinnt sehr schnell an Höhe und die offenbart sich immer wieder durch die sehr schönen Ausblicke ins Ötztal. So erkenne ich an einem freien Stück im gegenüberliegenden Berghang eine größere Straße, die sich bei näherem Hinsehen als der Gegenanstieg vom Timmelsjoch zur Mautstation entpuppt – und ich bin hier bereits wieder höher! Das macht Mut. Also weiter.

Kurz darauf geht es rechts ab Richtung Hochsölden. Wenn ich mal über 2000 Meter Meereshöhe schlafen möchte, eine Option – aber heute nicht. Ich habe ab hier noch weitere gut 800 hm vor mir und den Anstieg damit noch nicht einmal zur Hälfte geschafft. Aber immerhin werden die Temperaturen allmählich erträglicher. Der Tag ist in dieser Beziehung ohnehin ein echter Glücksfall: natürlich rinnt der Schweiß, aber es ist in dieser Höhe längst nicht mehr heiß. Noch schöner ist allerdings, dass es auch nicht kalt ist. Immerhin bewege ich mich in kurzen Klamotten im Hochgebirge, da ist ein wenig Entenpelle eigentlich Pflicht. Davon allerdings bin ich – momentan zumindest – noch weit entfernt.

Also finde ich mich mit meiner Anstrengung ab und werde mir allmählich sogar meines Glückes bewusst, das mir dieser Tag beschert. Ich geniesse den Sonnenschein, das Vogelgezwitscher, die klare Luft und das Blau des Himmels, das von Meter zu Meter sogar immer blauer wird.

Die Landschaft beginnt sich allmählich zu ändern. Die Bäume werden knorriger und kleiner und verschwinden schließlich ganz. Aus dem satten Grün links und rechts wird zunehmend felsiges Gebirgsgelände. Als sich die Strasse unter mir auf fünf, sechs Prozent abflacht, erscheint auch schon die Mautstation, die mir zwar als Meilenstein dient, mich aber um keinen Euro erleichtert.

Die andere Erleichterung, nämlich die der zeitweise geringen Steigung in dieser Stelle währt aber nur wenige Hundert Meter und zieht dann wieder auf die schon sattsam bekannten 12% Dauerqual an. Und ab da wird mir dann plötzlich auch bewusst, was mich schon die ganze Zeit unterschwellig beschäftigt hat: ich bin hier oben mutterseelenallein. Kein Auto, kein Radfahrer, kein Wanderer – nur die beiden Hansel eben in der Mauthütte.

Stairway to heaven

Vor mir öffnet sich nun das Rettenbachtal als felsige Gebirgslandschaft ohne Vegetation. Das Eis am oberen Ende der Straße schimmert mir bereits entgegen. Ein toller Anblick! Die Straße führt rechts am Rettenbach aufwärts, kreuzt ihn schließlich an einem einsamen Gasthof und führt weiter immer schnurstracks das Tal hinauf. Die Steigung ist weiterhin unerbittlich, das Dutzend bleibt standhaft. Irgendwann entferne ich mich über vier Spitzkehren in der rechten Talflanke vom Bach. Nach der ersten dieser vier Kehren geht die Aussicht nun zurück Richtung Ötztal und zeigt geradewegs in den tiefblauen Himmel. Da sich hier auf rund zweieinhalb Tausend Metern Meereshöhe dem Blick kein Berg mehr in den Weg stellt, wird die Straße zur Himmelsleiter. Links Fels, rechts ein hölzernes Geländer und vor mir nur Asphalt, der geradewegs in den Himmel zeigt. Traumhaft.

Als die letzte Kehre hinter mir liegt, rückt die Talstation der Rettenbachfernerseilbahn ins Blickfeld. Die Kulisse für den Sommerskizirkus scheint ebenso verlassen wie der schon der ganze Weg von Sölden hierher. Ich geniesse die Stille. Mit jedem Atemzug strömt klare frische Bergluft in meine Lungen. Trotz des für Mitte Juni reichlichen Schnees hier oben ist es geradezu mild und ich habe das alles hier ganz für mich allein! Die mittlerweile 2700 m Meereshöhe sollten mir als Flachländer eigentlich zu schaffen machen, aber die ganze Szenerie hier oben ist so überwältigend und doch so unwirklich, dass ich das gar nicht wahrnehme.

Entscheide dich: schwer oder noch schwerer?

Vor den Gebäuden der Seilbahn verlangt ein gigantischer Wegweiser eine Entscheidung: rechts geht es zum Rettenbachferner und zahlreichen Skipisten, links führt der weitere Weg durch einen Tunnel zum Tiefenbachferner und ebensovielen Skiabfahrten. Ich fahre nach links und quere unter dem Gletscher in die rechte Talflanke, wo hinter einer geschwungenen Rechtskurve die Einfahrt in den 1,7 km langen Tunnel liegt. Trotz der Einsamkeit hier oben ist der Röhre durchgängig beleuchtet und das diffus-gelbe Licht schafft eine schaurig-schöne Atmosphäre inmitten des Berges. Die Durchfahrt ist ebenso eisekalt wie steil. Und obwohl sie nochmals ordentlich in die Beine geht, erzeugt die Anstrengung immerhin das notwendige Maß an Körperwärme, das diesen dunklen Kühlschrank erträglich werden läßt. Ich ahne bereits, was mich bergab auf dem Rückweg erwarten wird…

Die Welt hat mich wieder!

Der Belag ist grob, aber nicht wirklich schlecht und die wenigen Löcher sind in der schummrigen Belechtung ausreichend gut zu erkennen. Weit vor mir strahlt der winzige Nadelstich des Tunnelausgangs in die Düsternis. Von oben tropft es eisekalt, was nicht nur den Tunnel, sondern auch mich allmählich klamm werden läßt.

2829!

Schließlich nimmt der Nadelstich Konturen an und in dem gleißenden Licht erkenne ich schneebedeckte Berggipfel, darüber strahlend blauen Himmel und weiße Schäfchenwolken. Als ich den Berg wieder verlasse, offenbart mir ein etwas verwittertes Schild mein Ziel: „Tunnelaugang 2829 m“. Ich habe nicht nur das Dach des diesjährigen Forumsötzi erreicht, sondern auch den höchsten mit dem Rennrad erreichbaren Punkt der Alpen. Für neue Rekorde muß ich mir ab heute dann wohl ein anderes Gebirge suchen.

Vor mir liegt ein riesiger asphaltierter Parkplatz und ein großes, in der Sonne metallisch schimmerndes Gebäude, von dem zahlreiche Skilifte in die Hänge reichen. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf fast 3000 m habe ich bisher nichts Vergleichbares gesehen. Tröstlich immerhin, dass mein Rad und ich auch hier oben ganz allein sind.

Tiefenbachpanorama

Im Südosten erstrahlt die noch winterliche Gipfelkette des Alpenhauptkamms und Richtung Südwesten versperrt mir nur der Mutkogel den Blick zur Wildspitze. Mit dem Rennrad auf Augenhöhe mit Dreitausendern zu sein, ist schon etwas ganz Besonderes.

brrrrr!

Es fällt mir denn auch schwer, mich von diesem wunderschönen Ort zu verabschieden, aber ich habe immerhin noch rund 100 Kilometer und einen Paßanstieg vor mir. Die Abfahrt nach Sölden wird sicher schon nicht ganz einfach, aber das Ötztal kann einen mit seinem abschüssigen, aber dennoch welligen Profil und dem nachmittags ätzenden Gegenwind ganz schön nerven. Ans Kühtai denke ich jetzt lieber noch gar nicht.

Also hole ich noch einmal tief Luft, werfe einen letzten Blick in die Runde der majestätischen Gipfel und rolle langsam in Richtung Tunnelloch…

zurück ins Tal

Tja, wie beschreibt man am besten das Gefühl, durch einen fast zwei Kilometer langen, dunklen, etwa 9% abschüssigen Kühlschrank zu sausen? Zähneklappern und rasch an Gefühl verlierende Finger! Kaum zu glauben, wie lang nicht mal zwei Kilometer sein können. Naja, immerhin bin ich ja schließlich auch hier, um was Besonderes zu erleben. Die Strecke runter nach Sölden kenne ich nun zwar schon, die Perspektive aber noch nicht: Fels und Eis dominieren so noch stärker als auf dem Hinweg und das nächste Grün läßt sich weit unten im Tal von hier nur erahnen.

Was die Kälte des Tunnels noch an restlichem Leben in den Fingern gelassen hat, geht nun durch den immer wieder beherzten Griff in die Bremsen vollends flöten. Die anhaltend zwölf Prozent wirken auch bergab in beeindruckender Weise und wollen nicht nur in den Kehren gebändigt werden. Bei einem Fotostopp kann ich mir an meinen Felgen denn auch die Finger wieder ordentlich wärmen! Mit Carbonlaufrädern hätte ich mir wohl eher Brandblasen geholt.

Ehe ich mich versehe, umfängt mich wieder das Grün der Bäume und kurz darauf bin ich denn auch wieder in Sölden. Der Bäcker unten hat noch auf, ich kann mir die Flaschen wieder auffüllen und bekomme auch noch eine Cola, die mir bis Ötz wieder etwas Leben einhauchen soll. Während ich gegen die süß-brodelnde Kohlensäure ankämpfe, nehme ich noch mal vorsichtig Kontakt zu marian84 auf. Und siehe da: er ist zusammen mit ak13 gerade in Längenfeld angekommen, keine 15 Minuten vor mir. Die beiden werden sich ein kurzes Päuschen gönnen und auf mich warten. Und so finde ich die beiden dann auch auf einer lauschigen Parkbank im kleinen Stadtpark im Ortskern. Zu dritt nehmen wir dann den letzten Abschnitt gemeinsam unter die Räder.

Petrus meint es heute aber auch in wirklich jeder Beziehung gut mit uns. Normalerweise erschwert einem ein fieser Talwind die Fahrt durchs Ötztal Richtung Norden. Heute nicht, heute schiebt er uns sanft in Richtung Kühtai, den letzten Zacken für unsere Krone.

Am Kreisel in Ötz entscheidet sich marian84 jedoch, den restlichen Weg durch’s Inntal zu nehmen. „Ok, man sieht sich!“

Zu zweit steigen wir also in den letzten Anstieg des Tages. Eine aufziehende leichte Abendbewölkung erspart uns jetzt für eine kurze Zeit die Sonne zusätzlich zu den 27 Grad bei 12 % Steigung. Ich habe allerdings schon auf dem ersten Kilometer die leise Vorahnung, dass ich heute das steilste und längste Kühtai fahren werde, das mir bisher untergekommen ist. Aber die Stimmung ist einmalig: aus dem Tal läuten Kirchenglocken, von den Wiesen duftet frisches Heu und hin und wieder schwirrt irgendein Insekt ein paar Meter neben mir her. Verkehr gibt es praktisch keinen und es lässt es sich ganz komfortabel nebeneinander her fahren, was wir ausgiebig nutzen, um den Tag tratschend noch einmal Revue passieren zu lassen. Klasse! Genau dies ist so ein Moment, den man als Bildantwort auf die Frage geben müsste, warum man sich mit dem Rad steile Berge hochquält. Nix Qual, purer Genuß, reine Lebensfreude.

Kugelrunde Kuhaugen

Und so schrauben wir uns denn schnatternd die Straße empor, lassen Au, Taxegg und Mühlau hinter uns und queren schließlich den Nederbach, der uns bis zum Speichersee immer mal wieder Abwechslung bietet. Irgendwo in der Nähe von Ochsengarten finden wir beide unser individuelles Tempo und sind dann jeder mit sich allein. Und da ist dann wieder diese Ruhe, die sich irgendwann zwischen spätem Tag und frühem Abend einstellt. Kein geschäftiges Treiben mehr, kein Verkehr, nur noch ein paar zwitschernde Vögel, der plätschernde Bach, die leise schnurrende Kette, der eigene gleichmäßige, tiefe Atem. Die Luft wird auf die letzten 500 Höhenmeter wieder frischer, aber zusammen mit der Sonne, die den Rücken bescheint immer noch angenehm mild. Hin und wieder grasen ein paar Pferde im Wald neben der Straße oder es stehen ein paar Kühe im Weg und sehen mich mit ihren großen runden Augen unbekümmert und wiederkäuend an.

Als es wieder etwas flacher wird, schiebt sich die Dammkrone des Speichers Längental trügerisch ins Bild. Wer das Kühtai nicht kennt, wähnt sich nach den zwei Kehren am Ziel, muß aber an der Dortmunder Hütte 500 Meter später schmerzhaft erfahren, dass noch einmal eine knackige Rampe hoch zum Hoteldorf folgt. Zwar entschädigt das kiefernbewachsene Gelände unter dem gewaltigen Staudamm des Finstertal-Speichers mit seiner herben Schönheit, aber bei meiner ersten Auffahrt hier hatte mir der Schrecken auch Scheuklappen verpasst. Dabei ist die Rodelbahn – der asphaltierte Weg rechts über den Finsterbach hoch zum See – durchaus nochmal eine kleine Extra-Herausforderung für den, der noch nicht genug hat: dreieinhalb Kilometer mit 370 Höhenmetern und bis zu 17 % Steigung sind hier nochmal drin und werden mit wunderschöner Landschaft, einem tollen Ausblick, einem „erfrischenden“ Tunnel als Extra und oben am See einem beeindruckenden Amphitheater aus schroffen Felsgipfeln belohnt.

Aber nicht heute, nicht für mich.

Hundekaputt an der Goldenen Kuh

Ich bringe tapfer die letzten Höhenmeter des Tages hinter mich und trudele dann oben durch den leergefegten Winterskiort zur „Goldenen Kuh“, die an der Paßhöhe schon auf mich wartet. ak13 rollt heran und wir schiessen gegenseitig noch ein obligatorisches „Passfoto“.

Jetzt bin ich platt. Dass es immer noch nicht kalt ist, verrät mir das Thermometer: 14 Grad auf 2020 Metern sind für acht Uhr abends immer noch kuschelig. Da mir die Erschöpfung nun aber ein etwas anderes Empfinden beschert, ziehe ich an, was ich habe und stürze mich zusammen mit meinem Mitstreiter in die letzte Abfahrt für heute. Diese letzte halbe Stunde lasse ich ruhig angehen, so „ruhig“, wie man das Kühtai mit seinen steilen Rampen eben runterfahren kann. In Gedanken gehe ich den Tour nochmal durch. Das war heute einer der schönsten Tage, die ich auf dem Rad verbracht habe, ganz ohne Zweifel!

Das, was nun noch fehlt, ist eine heiße Dusche und ein leckeres Essen.

Ach ja, und ein Bett.


 

Der Tag in ein paar Zahlen:

261 km, 6500 hm, 5 Paßanstiege, 2829 m NN höchster Punkt, Temperaturen zwischen 7 und 36 Grad, 1 prall gefüllter Rucksack Lebensfreude


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