FÖ 2006 – Spontanötzi (Verfasser unbekannt)

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Spontanötzi

 

Freitag Vormittag, ein Bürotag

Die Gedanken schweifen auf dem Radweg zur Arbeit hin und her. Was machste am Wochenende? Ein wenig mit der Gurkentruppe rumrollen? Oder nochmal etwas gescheites als Vorbereitung auf die Schweiz? Rosti fährt den Ötzi. Der Säckl. Hat eine saubere Bergvorbereitung. Ich net so wirklich. Soll ich nochmal was spontan machen? Aber was? Ist ja noch Zeit, irgendwas fällt mir schon ein…

Freitag Vormittag, immer noch der gleiche Bürotag

Bingo, ich hab’s! Ich fahre auch nach Sölden. Mir doch wurscht. Da kann ich versuchen, mein Negativerlebnis vom Forumsötzi (Juni 2006) zu übertünchen. Au ja! Und die Motivation war plötzlich da. Der berühmte Floh im Ohr hatte mir das eingeflüstert: Fahr doch nochmal mit, sagte er, der Floh. Ich: Ja und wie soll denn das gehen, lieber Floh? Ich habe keinen Startplatz. Der Floh: Macht doch nix.

Freitag Abend, Vorbereitung

Der Floh sagte dann zu mir: Packe ein, was du unterwegs zu trinken und essen brauchst und dann los. Ich: Hmmmmmmmmmmmm… Na gut, mal überlegen.
Freitag Abend wurde im Keller getüftelt, wie ich möglichst viel Krempel unterbringe und herausgekommen ist eine recht brauchbare Lösung, die mir gestattete, 2,5 Liter Flüssigkeit und jede Menge Gel und Riegel mitzuführen. Kleidung wie üblich für solche wackligen Wetterbedingungen. Das Systemgewicht müsste zwischen 95 und 97 Kilo betragen haben, nun ja…
Für das Vorhaben waren die F-Ötzi-Erfahrungen sehr wertvoll. Die Anreise, dann Sölden selbst wg. Parkmöglichkeit usw., es war schon vorteilhaft, zu wissen, was da los ist.

A propos los

Bin am Samstag noch auf einer Geburtstagsfeier gewesen, dort gab es reichlich zu essen für mich. Zwischen 21 und 22 Uhr hatte ich eine Stunde geruht. Um kurz vor 23 Uhr dreht sich der Zündschlüssel rum und ab ging es auf die 465 km lange Reise. Exakt 4 h später stand ich in Sölden unterhalb der Kirche auf dem Parkplatz. Den Wecker auf 5 Uhr gestellt, in die Wolldecke eingemummelt und quer auf den drei Vordersitzen zusammengerollt. Schnarch….

Es ist Sonntag! Aufstehen, du Schlafmütze!

Schon vor 5 Uhr klappten die ersten Autotüren auf und zu, den Wecker hätte ich mir sparen können. Erstmal das mitgebrachte Material verfrühstücken, dann überlegen, was ich anziehe, Getränke herrichten, Fressalien überall am Körper verstauen und fertig die Laube. Um 6:10 Uhr stand ich irgendwo im wartenden Feld, etwa auf Höhe des Übergangs über die Hauptstrasse.

Es ist immer das Gleiche, ich drehe mich rum, schaue ein wenig und was ist? Neben mir unterfränkischer „Släng“. Klar, Radler aus Bad Neustadt. Die sind aber auch überall auf dieser Welt unterwegs. Wir kennen uns vom sehen bzw. haben gemeinsame Bekannte. Die Welt ist ein Dorf. Ansonsten fällt mir niemand weiter auf.

Gentlemen, start your engines!

Um 6:30 Uhr dann der Startschuss, etwa um 6:40 Uhr rolle ich unter dem Startbogen durch. Tacho an und los!

Sölden – Ötz

Runter nach Ötz schön im Palaver mit einem Karlsruher Ex-Kurier (wir kannten uns schon von einem Rhönmarathon) und dann ein Forumstrikot, Stelvio ist es. Nach ein paar Worten bin ich weiter, wir hatten eher unterschiedliche Geschwindigkeitsvorstellungen.
Rätselhaft ist, warum es auf dem Streckenabschnitt schon Defekte (ein abgerissenes Schaltwerk, einen Kettenriss usw.) gibt, Platte Reifen auch schon reichlich und den einen oder anderen Sturz. Und wir waren noch nicht mal im Bereich der Kreisverkehre.
Zwischendurch esse ich ein Vollkornbrot mit Käse und Wurst und eine Banane.
OK, ich bin gut zurecht gekommen, kurz vor Ötz habe ich dann reichliche Minuten Zeit verloren, da ich nicht so recht wusste, wohin mit meiner Windjacke. Musste etwas umpacken, dann ging es gut. So waren es 48 Minuten bis zum Einstieg in die Kühtaiauffahrt.

Ötz – Kühtai – Kematen

Unten gleich rechts, kaum 10 Höhenmeter vorbei: wieder ein abgerissenes Schaltwerk am Strassenrand, ein Stück weiter ein ordentlicher Kettenklemmer, dreckige Hände, verzweifelte Gesichter, krachende Getriebe, fluchen und schimpfen. Verstehe ich ehrlich gesagt nicht, was da abgeht, blos weil es mal kurz bergauf geht…
Die Kühtaiauffahrt war ein Traum für mich. Meine Wohlfühltemperatur, die Feuchtigkeit in der Luft, die vielen Menschen aussenrum. Ich habe überholt, überholt, nur überholt. Völlig übermotiviert, aber es hat sooooooooooo Spaß gemacht. Irgendwo unterhalb der Kehrengruppe sehe ich dann Sky und bleibe ein paar hundert Meter bei ihr. Sie klingt ernüchtert, leicht frustriert. Sie glaubt, dass sie „nur“ bis St. Leonhard fahren wird. Ich kann da nicht viel sagen und nehme wieder mein eigenes Tempo auf. Ich sehe erneut ein Forumstrikot, Domo ist es, ich dachte zunächst, es ist ginny. Entschuldigung für die Verwechslung!
Im Steilstück hat dann jemand ein technisches Problem, eine Schuhplatte hat irgendwas. Links steht ein Motorrad und der Servicewagen, also eine Engstelle. Es geht gerade so, dass es keinen echten Stau mit Stillstand gibt. Irgendjemand will einen Witz hören. OK, kein Problem. Ich erzähle einen Österreicherwitz. Kam net so gut an, glaube ich. Einfach zu viele Österreicher in der Gegend.
Die Zeit vergeht wie im Flug, meine Planung, mit 1:20 h hochzukommen geht evtl. genau auf, etwas blöd ist die Siffe in der Baustelle, dafür die Beschallung mit dem Diskjokey, der wahrscheinlich eine ausgelutschte 50 Watt Anlage rumstehen hatte, um so lustiger. Highway to Hell. Blos halt viel zu leise.
Knappe 2:15 h hatte ich oben an der Labe. Ich will da durch. Geht nicht, es ist alles verstopft. Irgendjemand reicht mir Suppe. OK, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul und ich nehme den Becher an.
Ein Stück weiter unten, schon in der Abfahrt noch ein Stop. Doch noch rein in die Jacke, die Neoprenhandschuhe an und ab geht es. Im ersten Tunnel dann eine Überraschung. Ein einigermassen wildes Pony. Die Kühe waren nicht sonderlich beeindruckt, aber das Pony, das war aufgeregt und zum Glück ist die Gruppe vor mir noch einigermassen rechtzeitig in ein moderates Tempo, kurz vorm Stillstand gekommen.
Bergab wieder etwas essen, ein Bissen vom nächsten vorbereiteten Silberling (Nutella und Schwarzbrot diesmal).
Im Steilstück der Abfahrt war nicht mehr als 75 oder 80 km/h drin, es gibt reichlich komische Abfahrer. Warum fahren die, die Angst haben, nicht einfach rechts?
Nach 3 h habe ich den Kreisverkehr mit Abzweig nach Kematen erreicht, es stehen viele Zuschauer und applaudieren. Prima!

Inntal – Innsbruck

Ich esse wieder was, trinken tue ich insgesamt etwas zu wenig, das ist den niedrigen Temperaturen zuzuschreiben.
Weit und breit keine Gruppe, ich hole einzelne Fahrer bzw. Zweier-, Dreierteams ein und so sammelt sich langsam hinter mir sowas wie eine Gruppe. Dummerweise bin ich der Depp, der arbeitet, keiner macht Anstalten, ein sauberes Tempo mitzufahren. In Innsbruck bin ich ungefähr bei 3:30 h und setze eine Tachomarkierung bei der Überfahrt über die Brücke.

Innsbruck – Brenner – Sterzing

Die erste Gruppe, die ich sehe, die hatte eine Reisegeschwindigeit von 18 km/h. Mal kurz reingesetzt, etwas orientiert und dann vorne raus. Die nächste hatte dann um die 22 km/h, immer noch nichts. Weiß nicht mehr, wieviel Gruppenhopping ich machen musste, aber erst im Breich von Matrei ging was zusammen, vorher habe ich Anton getroffen, er war nicht so zufrieden. Dachte, er läßt sich evtl. mitziehen, aber war leider nichts.
Esse zwischenrein wieder was von meinem Proviant und zwinge mich, ordentlich zu trinken.
Nach Matrei ging es (vielleicht auch dank der vielen Zuschauer?) ziemlich flott weiter und die Gruppe ging mit über 30 km/h. Das Steilstück war auch kein Problem, da habe ich jemanden getroffen, der den Kingtom kennt, Michael heißt er, noch so ein „Verrückter“, will RAAM fahren und nächstes Jahr P-B-P.
Die Ankunft oben bei der Brennerzeitmessung ist nach 4:25 h. Unfreundlicher Regen, ich fahre in die Labe, um Jacke und Handschuhe anzuziehen, sehe ein Forumstrikot und einen blonden Zopf unterm Helm, könnte ThomasD gewesen sein. Mein Schnitt lag zu dieser Zeit bei ca. 29 km/h. Ich war bislang zufrieden. Hatte Spaß und die Beine waren schwer in Ordnung.
In der Abfahrt nach Sterzing kommt die Sonne raus, in Sterzing ist es trocken. Das Flachstück nehme ich gemächlich, um mich rum ist niemand und ich ziehe Jacke und Handschuhe während der Fahrt aus und schaffe es, die Sachen auch so zu verstauen, dass nichts verloren geht. Unglaublich, was alles auf der Strasse liegt. Ich habe Armlinge, Windwesten, jede Menge der Continental-Reifentäschchen, Handschuhe, Halstücher, Rennkäppis, Überschuhe, Luftpumpen usw. gesehen. Da könnte man sich locker neu ausstatten.

Jaufenpass – St. Leonhard

OK, Jaufenpass. Unten sagt die Uhr recht exakt 5:00 h, meine durchschnittliche Aufstiegsleistung lag zu dieser Zeit noch bei 850 hm/h, das Ding hat 1.125 hm oder so, stand auf einem Schild, also könnte ich in 1:15 bis 1:20 h hochkommen. Ich mag den Jaufen.
Es geht gleichmäßig und harmonisch, schaut man die Steigungswerte an, pendelt das immer um 7-8%, das ist genau meine Kragenweite für die nächste Zeit. Die Plauderei rundherum verstummt, die Stimmung wird ruhig, meditativ, jeder macht seine Arbeit.
Ich werde überholt, ich überhole, insgesamt verliere ich an der Auffahrt aber doch eher Positionen, der Puls hängt an der Schwelle und drüber will ich nicht, am Brenner war ich permanent im roten Bereich, ich muss versuchen, mich deutlich zu erholen, sonst gibt es später argen Stress.
Es macht kurz Pling! und aus einem dieser wundervollen Systemlaufräder von Mavic (Die Dinger, die immer so lustig Krach machen.) fällt einfach eine Speiche. Erheiternd… Der Betroffene nimmt es mit Humor und kann mit einem mäßigen Seitenschlag weiterfahren.
Eine Italienerin mit ihrem Partner zieht vorbei, sie wiegt vielleicht 40 Kilo. Kein Wunder, dass ich da eher nicht mithalten kann. An dieser Stelle: Warum wickeln sich italienische Radfahrer Frischhaltefolie um den Helm? Angst um die gegelte Frisur oder was?
Ich möchte bzw. sollte etwas essen, mein Magen knurrt etwas. Auf Brot hatte ich keinen Hunger, also vielleicht mal ein Gel? Ich ziehe eines von diesen Powerbar Koffein-Dingern aus der Tasche und muss sagen: Schmeckt zum Fürchten und läßt sich schlecht ausdrücken. Die Form von diesen „Fläschchen“ ist etwas ungeschickt. Na ja, so verbringe ich meine Zeit damit, das Fläschchen möglichst ordentlich in kleinen Zügen zu leeren und zwischendurch zu trinken. Vielleicht ist das gar nicht so verkehrt gewesen.
Nach der Baumgrenze sehe ich einen Radler, der ziemlich dreckig war. Er wurde in der Kühtaibaustelle durch plötzliches Anhalten eines Vordermanns etwas unsanft in den Matsch abgeladen. Wir unterhalten uns über Schwarzwälder Radmarathons und gemeinsame Quälereien an div. Rampen dort. So vergehen die letzten Höhenmeter wie im Flug und tatsächlich, die Uhr zeigt mir ungefähr 6:20 h an.
Ich steige kurz ab und spüre ein bislang unbekanntes Problemchen im linken Fuß, ich kann kaum auftreten. Das fühlt sich an, als ob der Fussballen „brennt“. Da ich bisher eh so gut wie alles sitzend gefahren bin, dürfte das hoffentlich am Timmelsjoch keine arge Einschränkung werden, denke ich. Das Wetter ist gut, Jacke und Handschuhe ziehe ich trotzdem wieder an. Was auch richtig war. Auf den ersten Höhenmetern bergab (etwa bis in den Wald hinein) da war es schon noch empfindlich frisch.
Die Abfahrt war ein Traum, ich versuchte, komplett ohne Hinterradbremse auszukommen und es gelang mir auch bis auf sehr wenige Ausnahmen (Nässe in Kurven). Bergab wurde ich kaum überholt, selber konnte ich diverse Kollegen einfangen. In St. Leonhard empfängt uns dann eine nette Frau am Strassenrand mit riesen Lärm. Sie drischt wie narrisch mit einem Kochlöffel auf eine Pfanne ein. Nett…

St. Leonhard – Moos

Unten am Kreisverkehr sagt die Uhr etwa 7:10 h, ich verlasse den Ort und halte rechts an. Erstmal die Trinkflasche in den Trinkrucksack umfüllen, etwas essen und die Jacke sowie die Handschuhe wegpacken. Neben mir sitzt auf der Mauer ein Häufchen Elend, zugedeckt mit seiner Regenjacke. Der Kollege hat Magenprobleme und wartet auf den Besenwagen.
Mir ist während der ganzen Runde aufgefallen, dass sehr viele Reifenpannen im Bereich einer Abfahrt bzw. am Ende einer Abfahrt geflickt wurden. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie das ist, wenn bei Tempo 70 keine Luft mehr im Vorderreifen ist. In den Auffahrten habe ich (bis auf Kühtai, da war viel los mit Defekten) kaum platte Reifen gesehen. Woher kommt das? Die Strassen waren sauber.
Auf geht’s, sage ich mir, ein Anstieg noch. Ist nicht mehr schlimm, nur noch etwa 60 km, mehr als die Hälfte davon bergab, der Rest geht auch irgendwie. Hopp, Hopp! Los, das packst du… Was für ein Unsinn.
Es war warm. Bis Moos standen laufend Radler am Rand und hatten ihre Kleidung weggepackt. Die Kilometer zwischen St. Leonhard und Moos sind mir enorm schwer gefallen. Mir war einfach zu warm. Gekurbelt hatte ich meistens 34/21, das hat recht gut zur noch vorhandenen Leistung gepasst. Überholt werden und selber überholen hielt sich so einigermassen die Waage.

Hoch zum Joch

Nach Moos, am Beginn der Kehrengruppe habe ich dann wieder etwas Spaß an der Sache gefunden, wurde jedoch ernüchtert, als das Schild „21,5 km bis Passhöhe“ kam. Was, noch so viel?
Hatte dann die Distanz in Gedanken gedrittelt, um kleinere Häppchen zu verdauen. Obwohl ich schon über 15 Stunden mehr oder weniger wach war, hatte ich keine gesamtheitlich müden Phasen, müde wurden nur die Beine, aber kein Wunder, oft standen zweistellige Steigungswerte auf dem Display.
Dann kam der Brunnen mit frischem Quellwasser, ich füllte auf. Mir war bewußt, dass ich sicherlich zuviel Wasser mit mir rumfahre, aber ich wollte bei der Wärme nichts riskieren. Lieber zuviel Gewicht als „verdörren“.
Irgendwann wurde es flacher und die Labe kam in Sicht. Auf dem Schild dort stand „noch 11,9 km bis zur Passhöhe“. Immer noch so weit? Ich bin schon sicherlich eine Stunde unterwegs für 9 oder 10 km. So wird das nix mit meiner anvisierten Zielzeit von 10 Stunden. An dieser Stelle hatte ich das Ziel für mich abgehakt, nach der Labe kommt ein schönes Stück mit neuem Teer, leider voll im Wind bis die Kehre bei dem rostroten Brunnen kommt, ich nutzte die geringe Steigung für etwas Nahrungsaufnahme. Ein Gel war wieder dran, aber diesmal von einem anderen Hersteller. Das ließ sich auch besser ausdrücken.
Es fing an zu nieseln, es wurde kühler, die Armlinge ziehe ich hoch und freue mich dennoch über die frische Temperatur. Für mich ist das einfach besser. Einen Ötzi bei 30° C zu fahren kann ich mir gerade überhaupt nicht vorstellen. Vermutlich ist das unmenschlich? Der Blick fällt auf ein größeres Schneefeld in einem der Berge in meinem Sichtfeld.
Ich versuche, etwas von der Landschaft aufzunehmen und nicht zu sehr mit mir zu hadern, dass ich den Kampf um eine ordentlicher TJ-Zeit verloren habe. Von hinten kommen mittlerweile vereinzelt Autos, die Überholvorgänge verlaufen nicht immer harmonisch, Radelkollegen vor mir werden unsanft zur Seite gehupt. Selbst halte ich mich weitgehend rechts und fahre wie zu Hause im Strassenverkehr auch.
Es geht halt so dahin, ab und an mache ich ein paar Wiegetritte, das meiste fahre ich im sitzen, 34/24 ist mein Freund. Den Rettungsring hatte ich bis dahin nicht gebraucht. Es gibt noch eine Getränkelabe, dort werden noch ca. 7 km bis Ende TJ signalisiert. Zwei Drittel der Auffahrt sind vorbei. Eine zähe Sache. Ich bekomme eine Cola gereicht, ich nehme sie gerne an. Am Strassenrand geht ein Radler zu Fuß, ich versuchte ihn zu motivieren, nochmal aufzusteigen. Nachdem er sagt, dass er derbe Magenprobleme hat und schon eine Weile marschiert, da lasse ich meine Worte lieber stecken und mache mich nach einem Gruß an ihn wieder auf die Socken.
Auf den letzten Kilometern versuche ich mal auf ein paar Meter, ob mir 34/28 mit höherer Trittfrequenz irgendwas nützt, aber eher das Gegenteil ist der Fall, ich brauche den Gegendruck vom nächstdickeren Gang. Der Puls geistert um 150 Herzschläge. Provozieren lassen sich kurzfristig auch 155, bringt nur nichts.
Der Blick auf die letzten 2 km vor dem Tunnel wird frei, einmal links hoch, Kehre, rechts hoch, Kehre, links hoch und dann die letzte Kehre und die Anfahrt zum Tunnel. Genial. Die Sau ist besiegt. Vorm Tunnel stehen ein paar Mädels und feuern uns an, im Tunnel ist Höllenlärm wg. der Aggregate, der Lärm steht dennoch nicht in einem ordentlichen Verhältnis zu dem bisschen Licht, das angeboten wird.
Nach dem Tunnel ziehe ich die Klamotten wieder an, ich stehe direkt bei den Moppedfahrern, die Wasser und Red Bull austeilen, OK, ich nehme einmal aufgelöste Gummibärchen. Bäääääääääääääh…
Der nächste, kurze Abschnitt bis zum Grenzübergang ist ekelhaft. Gegenwind und feines Mistwetter, es beginnt zu regnen. Sogar in dem elend windigen Bereich stehen noch eine Handvoll anfeuernde Mädels. Respekt.

Runter und fertig

Dann geht’s bergab. Leider nicht so flott, wie ich das gerne hätte. Der Gegenwind ist brachial, trotz Mittretens schaffe ich nur mühsam die 60 km/h zu knacken, erst in der Geraden, die direkt auf den Gegenanstieg zuführt, erreiche ich mit heftig flatternder Windjacke und Regentropfen wie Nadelstiche im Gesicht etwas über 70 km/h.
Der Gegenanstieg kommt und geht, das Ding ist mir völlig wurscht und ich drücke einen dicken Gang drüber. Am Mauthaus ist die Strasse komplett naß, es regnet richtig unangenehm und das Wasser steht in den Schuhen und Socken. Ich friere mich runter.
Der weitere Verlauf im Ötztal ist trostlos und langweilig, ein paar Radler sammle ich ein, die wenigen Kehren vor Sölden machen wieder Spaß und schon bin ich drin, in Sölden. Aus die Maus, rum ist es. Geschafft.

Und?

Im Zielbereich schaue ich mich um, hätte vielleicht gar nicht reinfahren sollen, denke ich mir, lieber gleich zum Parkplatz, so naß wie ich bin. Es hat sich jedoch gelohnt, ich sehe Rosti und wir begrüßen uns. Er war leicht erstaunt, dass ich mich inkognito hier rumgetrieben habe.
Schnell zum Auto, Katzenwäsche aus dem Kanister, ein Schwätzchen mit einem Italiener und dann ging es mir wieder prima in den kuschlig warmen Trainingsklamotten. Danach bin ich zurück in den Zielbereich.
Susi kam dann tatsächlich, so wie Rosti vermutet hatte, im Bereich von 12 h an und Abends sind wir zu dritt noch Essen gewesen.
Der harte Teil der Aktion stand noch bevor, die Heimreise. Hatte mich um 21 Uhr verabschiedet und auf ging es Richtung Fernpass. Bis auf die A7 hatte ich durchgehalten, es hatte teilweise extrem stark geregnet, war sehr anstrengend und so steuerte ich nach 2 h Autofahrt einen Parkplatz an, um eine Schlafpause einzulegen. Danach ging es mir deutlich besser und die verbleibenden gut 300 km vergingen einigermassen, abgesehen von diversen Platzregen, die nur geringe Geschwindigkeiten zuließen.
Genau um 3 Uhr heute Morgen bin ich vor die Garage gerollt und war sofort im Bett. Um 8 Uhr hat mich der Wecker freundlich eingeladen, auf die Arbeit zu gehen. Fühlt sich toll an, so ein 28-Stunden-Ötztal-Hauruckaktionsdings… Irgendwann werde ich da vielleicht auch mal ruhiger werden und eine komfortable Pensionsübernachtung den wenigen Stunden Schlaf in einem Auto vorziehen.
Alles in Allem hat der Aufwand und der Zeitstress sich gelohnt, mir hat es Spaß gemacht, mit vielen anderen Gleichgesinnten unterwegs zu sein und zu erleben, was das Besondere am Ötztaler Radmarathon ist.
Die Beine waren gut genug, die Belastungen während der Vorwoche (17-18 h, 450 km mit 5.000 hm) waren optimal, nur habe ich gemerkt, dass es halt nützlich wäre, ein paar mal im Jahr richtige Berge zu fahren, um diesem Viech Timmelsjoch mindestens 30 bis 45 weitere Minuten abzuknöpfen.
Taktisch falsch war ganz klar meine Fahrerei im Inntal und am Brenner. Da habe ich sinnlos Kraft verschleudert. Aber es war halt schön und wenn ich dran denke, wie ich beim Forumsötzi kaum mal über 30 km/h kam und selbst hinten in der Gruppe ab Matrei schwer zu leiden hatte. Da war das gestern schon geil. Über lange Abschnitte deutlich über 35, oft eine 4 vorne dran. Das war einfach gigantisch. Da habe ich halt vergessen (wollen?), wie weh das später noch tun wird.
Insgesamt muss ich auch sagen, dass ich mich am TJ irgendwie psychisch selber limitiert habe. Das Orientieren an den Radfahrern aussenrum bringt auch nicht immer was. In manchen Passagen dachte ich mir, OK, die fahren auch nicht schneller, warum soll ich Gas geben? Es wäre oft noch was gegangen, aber ich hatte dann Angst vor mir selbst, glaube ich.
Daten (für das nächste Mal…)

Die Fahrzeit brutto war ziemlich genau 10:30 h
Reine Fahrzeit hatte ich 9:55 h, d.h. wenn ich nirgendwo hätte anhalten müssen bzw. Laben zum Wassertanken anfahren hätte können, dann wäre das mit < 10 h brutto gar nicht so unrealistisch gewesen. Was habe ich in der Zeit getrieben?
Sicherlich 5 Minuten gehen auf die Umpackgeschichte vor Ötz, inklusive Laternenpfahl nass machen. Ich bekam am Kühtai Suppe, die hat eine Weile gebraucht, bis sie vertilgt war (3 Minuten). Ein paar hundert Meter weiter, da bin ich zum Jackeanziehen doch noch stehengeblieben – wollte erst darauf verzichten und dann aus Angst, das in der Abfahrt zu tun, halt noch ein weiterer Stop. In dem Zusammenhang nochmal wertvolle Minuten, da ich die Jacke zweimal anziehen musste wg. Verhedderung mit den Handschuhen (3 Minuten).
Am Brenner habe ich den Labebereich besucht wg. Klamottenwechsel und Umpacken von Esswaren (4 Minuten).
Und dann war da noch der Jaufen, wo ich das kleinere Übel mit dem Fussballen hatte, mal pinkeln musste und im Stand gegessen hatte, da ich mir das für die Abfahrt nicht zutrauen würde (5 Minuten).
Dann habe ich gleich nach St. Leonhard nochmal 5 Minuten verloren (sogar im Tacho dokumentiert) wg. Getränkeumfüllerei, Umziehen und Essen im Stand (unnötig, hätte gut im Fahren erledigt werden können). An der Quelle vor der Labe dann noch ein Flaschenfüllstop, den ich gemütlich angehen lassen musste (warten, bis ich dran war; Wasser kam nur spärlich aus dem Hahn; 5 Minuten).
Oben nach dem Tunnel, da habe ich ein Schwätzchen mit den Moppedfahrern gehalten und eine Dose Red Bull im Stand getrunken und meine Klamotten angezogen (5 Minuten).
Zeiten in den Abschnitten (alles netto):
1. Sölden – Ötz: 0h 48′
2. Ötz – Kühtai: 1h 26′
3.1 Kühtai – unterer Kreisverkehr im Inntal: 0h 32′
3.2 Kühtai – Messstreifen Innsbruck (Brenner): 0h 53′
4. Messstreifen Innsbruck – Messstreifen Brenner: 1h 19′
5. Brenner – Messstreifen Jaufen unten: 0h 33′
6. Messstreifen Jaufen unten – Messstreifen Jaufen oben: 1h 25′
7. Messstreifen Jaufen oben – Ortsende St. Leonhard: 0h 37′
8.1 Ortsende St. Leonhard – Moos: 0h 34′
8.2 Ortsende St. Leonhard – Messstreifen Timmelsjoch: 2h 18′
9. Messstreifen Timmelsjoch: 0h 38′
Summe aller Auffahrten: 6h 28′ (netto)
Summe aller Abfahrten: 3h 29′ (netto)
Summe der Pausen/Stops in den Auffahrten: 0h 32′ (Details siehe oben)
Summe der Pausen/Stops in den Abfahrten: 0h 3′ (Kühtai, gleich zu Beginn der Abfahrt)
Leistungsrechnerei:
Die Wattleistungen sind auf Basis 95 Kilo Systemgewicht (eher konservativ abgeschätzt) gerechnet. Verwendet habe ich ein Tool von
1. Kühtai: ca. 250 Watt Leistung, davon Steigungsleistung ca. 220 Watt
2. Brenner: ca. 290 Watt Leistung, davon Steigungsleistung ca. 145 Watt
3. Jaufen: ca. 220 Watt Leistung, davon Steigungsleistung ca. 200 Watt
4. Timmelsjoch: ca. 185 Watt Leistung, davon Steigungsleistung ca. 165 Watt

www.radpanther.de. Kreuzotter täte das vermutlich genauso ausspucken.

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